TangoDanza Magazine, Interview to Silvio Grand 2012

November 23, 2012

 

Interview führte Beata Sievi www.beatasievi.com

  

TangoDanza magazine


Silvio Grand gehört zu den beliebtesten argentinischen Tangotänzern und Lehrern, die in Europa auftreten und unterrichten.  Seine Karriere umfasst, dank seines schauspielerischen Talents, auch Bühnenauftritte und die Teilnahme an Werbeshotings. Im Frühling 2012 realisierte Beata Sievi mit Silvio Grand als Gast eine Fotosession zum Thema Sinnlichkeit und Mode in der  Frühzeit des Tangos. Diese Begegnung gab Anlass zu Gesprächen über Erotik, Nähe und kulturell bedingte Missverständnisse zwischen Frauen und Männern im Tango.

 Silvio, Du bist ein gefragter Tänzer, soeben bist Du in Wien zusammen mit dem berühmten Opernsänger Erwin Schrott und Schauspielerin Sunnyi Melles auf der Bühne gestanden – erinnerst Du dich aber noch an deine ersten Tangoschritte und die erste Frau in Deinen Armen?

 Ja. Aus reiner Neugierde besuchte ich eines Tages einen Tango-Kurs, der in einem Zimmer neben dem Volleyballsaal stattfand, in dem ich immer trainierte. Ich war 15 Jahre alt. Der Tanzlehrer hat mir ein sehr schönes, älteres Mädchen zugewiesen. Als ich die ersten Schritte machte, verdrehte sie ihre Augen und fragte den Lehrer, ob sie wirklich  mit solch einem Anfänger tanzen müsste.

Wie hast Du diese Frustration überwunden?
Ich verliebte mich in ein anderes Mädchen! Zu dem war ich von Anbeginn vom Tango und seiner Körpersprache begeistert – aber nicht im Sinne der Erotik, obwohl ich eine Art von Liebe, Faszination für das Mädchen empfand. Es war die neue Art der Kommunikation, die mich faszinierte. Die Tangofiguren bedeuteten für mich etwas Künstlerisches und die Notwendigkeit, dem Mädchen bei jedem Schritt zu zeigen, was ich wollte, schaffte eine bis anhin unbekannte Art der Verbindung zwischen uns.

Wann hast Du die ersten Milongas entdeckt?

Ich war 16 Jahre alt und Meine Eltern waren von meinen spät abendlichen Tanzausflügen überhaupt nicht begeistert. Die erste Milonga, “Circulo de la Armada, war für mich die nächste grosse Herausforderung – ich konnte nicht mit mir unbekannten Frauen tanzen! Nur  in der Tanzklasse und auf der Bühne empfand ich keine Blöße. Es gab damals in der Avenida Corrientes ein kleines Theater, in dem mein Lehrer regelmäßig eine Tango-Show inszenierte. Eines Tages nahm ich einen alten Hut und die Schuhe meines Vaters und ging dorthin. Mein Lehrer war von meinem Mut begeistert und engagierte mich für eine kleine Hintergrundrolle – das gab mir das Gefühl, ein echter Tango-Tänzer zu sein. (Silvio lacht)

War diese Überzeugung, wenn auch etwas übertrieben, nicht hilfreich in Deiner weiteren Karriere?

Natürlich, es war perfekt in diesem Alter! Mit 16 sind wir noch nicht auf der Suche nach einem Partner. Viele Menschen glauben an das cliché über tiefe Gefühle zwischen Frau und Mann und an erotische Anziehung im Tango. Aber das Empfinden des Tangos entfaltet sich parallel zu der persönlichen Entwicklung. Mit 16 war ich ein junger Student, der der Welt sein Talent zeigen wollte.

Wie veränderte sich Dein Tango-Tanzen  zwischen dem 16 –ten und  20-ten Lebensjahr?

Während anfänglich das Zurschaustellen und eine gewisse Maskerade wichtig waren, verspürte ich  mehr und mehr den Wunsch erwachsen und unabhängig zu werden. Es wurde mir klar, dass ich noch hart arbeiten muss, um als ein professioneller Tänzer leben zu können. Ich unterbrach das Kommunikationsstudium und widmete mich ganz der Tanzkarriere. Ausserdem entdeckte ich mich neu als Teil des Paares.  Ich begriff, dass jede Frau anders ist und ich mich ihr bei jedem Schritt anpassen muss, damit das Tanzen für uns beide angenehm wird.

Hast Du auch in dieser Zeit die Sinnlichkeit im Tango entdeckt?

Die Verbindung mit einer Partnerin empfand ich ähnlich einer Konversation. Wenn wir ein gutes Gespräch haben, können sich erotische Gefühle einstellen, aber der entscheidende Punkt ist, ob wir einander verstehen. Im Tanz ist es ähnlich: wenn die Verbindung echt ist, dann sind wir geneigt, einander für den nächsten Tanz zu wählen. Ob wir uns für mehr entscheiden, hängt vom Augenblick unseres Lebens ab. Wenn wir nicht gerade auf der Suche nach einer Beziehung sind, werden wir einfach das Gespräch oder den Tanz geniessen, und es dabei belassen. Es ist die eigene Befindlichkeit und nicht der Tango, die erotische Nähe zustande kommen lässt.

Zwischen dem 20-ten und 30-ten Lebensjahr  hast du mit Mayra Galante getanzt und unterrichtet. Ihr wart auf vielen Bühnen in Europa.  Du bist ein selbstbewusster Tänzer geworden, der die Zuschauer mit seiner Kunst beeindrucken und berühren kann. Was hat sich in Bezug auf Dein persönliches Tangogefühl in dieser Zeit verändert?

Nun, Horacio Ferrer behauptete, dass  man den Tango nicht verstehen kann, bevor man 30 wird, weil man vorher den Schmerz der Liebe noch nicht kennt. Mit 30 erkannte ich aber immerhin die Wichtigkeit der Nähe und die Bedeutung der Umarmung. Ich denke, dass jeder, der nicht ein Tanz- Experte ist,  sich diesbezüglich  etwas verwirrt fühlen kann. Die enge Umarmung verrät alles über unsere Persönlichkeit, über unsere Ängste und Widerstände.

Dem muss ich zustimmen – ich war am Anfang sehr über die zärtliche Umarmung von Dir und von meinen anderen argentinischen Lehrern erstaunt -  ist das doch normalerweise in Europa nur den engen Beziehungen vorbehalten. Wie war es für Dich in Europa die enge Umarmung zu unterrichten?

In Europa braucht es definitiv mehr Vorsicht und mehr Zeit. In Argentinien ist es einfacher die Schüler dazu zu bringen mit Körperkontakt zu tanzen – wir sind es gewohnt, uns oft zu küssen und zu umarmen, unsere gesamte Alltags-Kultur ist viel weniger formal und lässt mehr körperliche Berührung zu.

Hast du auch andere Unterschiede  im Verhalten zwischen Argentinien und Europa bemerkt? Mir wurde gesagt, dass Männer und Frauen in Argentinien öfter flirten, in den Milongas und anderswo…

Ja, aber niemand nimmt dies sehr ernst. Männer wünschen von Frauen umgeben zu sein. Daher versuchen sie jedem Mädchen mit Süssholzraspeln ein Lächeln zu entlocken -  und sie sagen immer mehr als sie tun – was den Frauen wohl bewusst ist. Wenn ein Mann in einer Milonga in Buenos Aires hundert Damen eine Rose geben würde, wäre höchstens eine geneigt dies persönlich zu nehmen und sich am Abend nach Hause geleiten zu lassen. Der Mann wäre dann wahrscheinlich überrascht, weil er gar nicht so weit dachte. In Europa wären es viele…
Und was würde ein Argentinier in dieser Situation tun?

Er wäre in Schwierigkeiten… Denn ein Argentinier kann einer Dame nicht “nein” sagen … Ein Mann muss in unserem Land sein Mann stehen, wir trinken auch kein Bier ohne Alkohol.
Ich habe gehört, dass ein Mann in Argentinien viel mehr in seine Eroberung investieren muss, daher verwenden Argentinier in der Regel emotional stärkere Ausdrücke, die aber im Vergleich  nicht mehr als bei uns  Komplimente bedeuten. Dies könnte in den Begegnungen von Argentiniern und Europäerinnen sehr verwirrend sein…

Ja genau! Die Frau mit Komplimenten zu verwöhnen ist bei uns selbstverständlich. Sie fühlt sich in keiner Weise zu etwas verpflichtet. Auch im Tanzen ist es so – auch wenn wir sehr sinnlich miteinander tanzen, hat das keinerlei Konsequenzen. Ein Tango ist grundsätzlich eine Begegnung von Mann und Frau… Mich befremden die Trends an manchen Orten in Mittel- und Nordeuropa, wo der Tango zu einer Turnübung verkommt. Sinn und Zweck ist dort, soviel wie möglich zu schwitzen, um hinterher gut schlafen zu können…

Wie bist Du mit all diesen Unterschieden umgegangen? Ich bin überzeugt, dass Du es bemerkt hast, welchen Eindruck Dein Tanzen auf die Frauen in Europa ausübt….

 Ich gebe zu, dass es für mich in Europa plötzlich viel einfacher war, ein Abenteuer zu finden. Ob es mein Tanzen, mein Charme oder ein Zufall war, ich weiss es nicht. Jedenfalls verschenke ich heute keine 100 Rosen mehr  in einer  Milonga (Silvio lacht). Ich wähle vorsichtiger, mit wem ich tanzen möchte.

Ich höre bei uns viel Klagen über die argentinischen Tangotänzer, ihre Verführungskünste  und ihre Unzuverlässigkeit…

 Ja, das ist ärgerlich! Warum werden nur die Männer beschuldigt, wenn sie leicht Frauen finden, die das Spiel mitmachen?  Es war für mich sehr ungewöhnlich, dass Frauen hier oft nicht nur die Bereitschaft zeigten, sondern sogar die Initiative ergriffen! Ich möchte nicht unfreundlich sein, aber als Argentinier bin ich gewöhnt, mehr Zeit auf unverbindliche Art miteinander zu verbringen…

Ich kann mir vorstellen, dass diese Art von Missverständnissen für einen Mann doch nicht immer unangenehm sein muss, aber wie bist du damit als Lehrer umgegangen?

 Als Lehrer fühle ich mich in erster Linie für den Lernerfolg meiner Schüler- und Schülerinnen im Tango verantwortlich. Klar, habe ich manchmal die Zuneigung der Frauen wahrgenommen, aber ein Lehrer ist immer eine Art Idol und löst eine Faszination aus. Es ist ganz natürlich und bedeutet noch lange nicht, dass es sich um eine persönliche Liebe handelt. Dafür kennen mich doch die Schülerinnen viel zu wenig. Im Gruppenunterricht kann ich eine persönliche Begegnung besser vermeiden, während es in der Privatstunde  kritisch sein kann und mich schon manche Frauen herauszufordern suchten. Aber wenn wir uns im Unterricht befinden so sind unsere Rollen definiert – ich betrachte es als eine Art Choreographie, die wir beide beibehalten müssen, um erfolgreich zu sein.

Kann es dennoch  beim Trainieren mit einer sehr talentierten Tänzerin vorkommen, dass Du im Unterricht eine echte Verbindung spürst und davon berührt wirst?

Sicher, es ist das gleiche, wie in der Milonga. Es ist ein besonderes Erlebnis jemanden zu unterrichten, den man persönlich mag. Aber ob sich daraus mehr entwickelt – hängt vor allem davon ab, was mir im Leben gerade wichtig ist.
Tango bietet uns die Möglichkeit, Zuneigung und Nähe zum anderen Geschlecht in sozial akzeptierter Weise auszuleben. Wir begegnen uns als Frau und Mann und sind bestrebt dem anderen Genuss zu bereiten. Selbst wenn jemand verheiratet ist, hat er die Möglichkeit für kurze Zeit die Nähe zu jemand anderem zu fühlen. Die meisten Menschen im Tango sind Singles. Wir alle, unserer technischen Revolution überdrüssig, wollen die Nähe erleben. All dies geschieht im Tango so natürlich, wie an anderen Orten, zum Beispiel im Zug, mit dem Unterschied, dass wir uns im Zug nur mit Blicken berühren. Aber auch das kann der Anfang einer Liebe sein.

Interview führte Beata Sievi www.beatasievi.com

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